Übernachten im Goldenen Tempel Amritsar

Sikhismus, Amritsar und Übernachten im Goldenen Tempel

Das indische Amritsar, und vor allem sein Goldener Tempel, sind das Herz des Sikhismus. Die Religion der Sikhs entstand vor rund 500 Jahren. Im Mittelpunkt stehen die Verehrung eins einzigen, formlose Gottes, Moral und Nächstenliebe. Diese wird besonders im Goldenen Tempel deutlich: hier können Angehörige aller Religionen und Kasten kostenlos übernachten, außerdem werden täglich mehr als 50.000 Mahlzeiten frei vergeben. Auch deshalb ist ein Besuch Amritsars essentiell für ein tieferes Verständnis des Sikhismus und der indischen Spiritualität überhaupt.

Was ist der Sikhismus?

Religionen in Indien

Indien ist Geburtsort und Heimat vieler wichtiger Religionen: Buddhismus und Jainismus entstanden hier, das Christentum erreicht Indien noch bevor es in Rom ankam, der Islam hat sich nirgends sonst zu einer so reichen und bunten Kultur entwickelt wie im indischen Subkontinent. Der Hinduismus ist in Indien mehr als nur Religion – er ist Indien selbst. Zu diesen Glaubensrichtungen gesellen sich Zoroastrismus, die Religion der Bahai sowie unzählige kleinere Sekten und religiösen Traditionen.

Entstehung und Philosophie des Sikhismus

Als Gründer der Sikhismus gilt Guru Nanak Dev. Er wurde im heutigen Pakistan geboren und lebte im indischen Subkontinent des 14 und 15. Jahrhunderts. Schon als Kind war er fasziniert von Spiritualität, Religion und Philosophie. Seine Suche nach der Wahrheit war der Antrieb einer jahrelangen Reise, die ihn nach Tibet, Mekka und Bagdad brachte. Nanak Dev begann, seine Erfahrungen und Gedanken in Lehren umzuwandeln. Er predigte vor Jain- und Hindutempeln, vor Moscheen und buddhistischen Klostern.
Nanak Dev wurde besonders von der Bhakti-Tradition (dem „Yoga der Liebe und Hingabe“) und dem Sufismus – mystischem Islam – beeinflusst. Nanak Dev soll gesagt haben:

„Es gibt keine Hindus, es gibt keine Muslime, es gibt nur Geschöpfe Gottes.“

Guru Nanak, der Gründer des Sikhismus

Guru Nanaks Lehren stellen Toleranz, Liebe zu Gott und die Gleichheit aller Menschen in den Mitttelpunlt. Askese wird abgelehnt. Vielmehr soll jede verrichtete Tat als ein Opfer an Gott dargebracht werden. Dieses selbstlose Handeln gibt es auch im Hinduismus als Karma Yoga und wird Seva genannt. Der Gott der Sikhs ist formlos, zeitlos, unverständlich und unsichtbar.
Um in Verbindung mit diesem scheinbar so ungreifbaren Gott zu treten, haben sich mehrere spirituelle Übungen entwickelt. Eine davon ist das Singen von Bhajans, von religösen Liedern. Es werden die Gedichte des Guru Granth Sahib – der heiligen Schrift der Sikhs – vertönt. Ein besonders schönes Beispiel:

Die zehn Gurus des Sikhismus

Sikh bedeutet Schüler. Der Guru ist der spirituelle Lehrer, der den Schüler aus dem Dunkeln ins Licht führt. Angefangen mit Guru Nanak gab es im Sikhismus zehn Gurus. Die „Guru-schaft“ wurde von Lehrer zu Lehrer weitergegeben, über einen Zeitraum von ungefähr 250 Jahren.

  • Guru Nanak Dev: Der erste der zehn Gurus und der Gründer des Sikhismus. 1539 verstorben.
  • Guru Angad Dev: Verschriftlichte die Lehren des Nanak und schuf die Gurmukhi-Schrift, die noch heute im Punjab verwendet wird. 1552 verstorben.
  • Guru Amar Das: Sprach sich stark gegen das Kastenwesen aus und gründete die Langar-Tradition. 1574 verstorben.
  • Guru Ram Das: In Lahore, Pakistan geboren. Gründete die Stadt Ramdaspur, die später in Amritsar umbenannt wurde. 1534 verstorben.
  • Guru Arjan Dev: Sohn des Guru Ram Das, erbaute den Goldenen Tempel in Amritsar. Der Mogulnkaiser Jahangir ließ in 1606 exekutieren, als er sich weigerte, zum Islam zu konvertieren.
  • Guru Har Govind: Begann mit der Militarisierung des Sikhismus, auch als Reaktion auf die Exekution seines Vaters. 1644 verstorben.
  • Guru Har Rai: Wurde mit 14 Jahren zum siebten Guru ernannt.Verbreitete auf gewaltlosem Weg den Sikh-Glauben, stellte das Singen und Rezitieren von Kirtans in den Mittelpunkt. 1661 verstorben.
  • Guru Har Kishan: Sohn von Har Rai.Wurde im Alter von fünf Jahren zum achten Guru ernannt, verstarb zwei Jahre später (1664, Delhi) an Pocken.
  • Guru Teg Bahadar: Protestierte gegen die Zwangskonversion von Hindus zum Islam, wurde 1675 vom Mogulnkaiser Aurangzeb hingerichtet.
  • Guru Gobind Singh: Sohn von Guru Teg Bahadar. Er gründete die Khalsa-Bruderschaft des Sikhismus, die sich – auch kriegerisch – gegen weiter Schikanen des Mogulnreiches wehrte. 1708 verstorben.

Der elfte „Guru“ – Sri Guru Granth Sahib

Der zehnte Sikh Guru ernannte nicht einen Menschen als seinen Nachfolger – sondern ein Buch. Die heilige Schrift der Sikhs ist seit 1708 der elfte und letzte Guru. Das Buch beinhaltet Hymnen und Gedichte aller Sikh-Gurus, die musikalisch vertont werden. Auch Gedichte von Kabir, Baba Farid und anderen sind in dieser heiligen Schrift zu finden – obwohl sie gar nicht Sikhs gewesen sind. Baba Farid (heutiges Pakistan, 13. Jahrhundert) ist einer der wichtigsten Sufi-Lehrer des Subkontinents. Kabir hingegen (Varanasi, 15. Jahrhundert) hob die Polarität zwischen Islam und Hinduismus auf. Dass auch Schriften von nicht-Sikhs im heiligen Buch der Sikhs Eingang gefunden haben, bezeugt die Toleranz und den Universalismus dieser Religion.

„Ohne die Verrichtung guter Taten wird man nicht ein Heiliger.“

Sri Guru Granth Sahib

Der Sikhismus in neueren Zeiten

Als Indien 1947 die Unabhängigkeit erlangte, entstanden zwei neue Staaten: Indien und Pakistan. Die Grenze verläuft mitten durch den Punjab, das Land der Sikh. Während der Teilung flohen Hindus und Sikhs, die im neugegründeten Pakistan lebten, nach Indien. Muslime in Indien zogen nach Pakistan. Mehr als 20 Millionen Menschen siedelten um oder wurde vertrieben, davon elf Millionen im Punjab. Bei den dabei vorkommenden Gewalteskalationen verloren zwischen 500.000 und einer Millionen Menschen ihr Leben.
Die Sikhs litten am meisten. Sie mussten auch mitansehen, wie einige ihrer heiligsten Orte plötzlich im unerreichbaren Pakistan lagen, so z. B. die Gurdwara Nankana Sahib – der Geburtsort des ersten Gurus.

1984 kam es zu einem neuen Anschwellen der Gewalt. Das indische Militär ging hart gegen eine sikhistische Separatistenbewegung vor, drang sogar in den Goldenen Tempel ein, wo sich der Anführer der Bewegung versteckte. Panzer, Granaten und Maschinengewehre im innersten Heiligtum des Sikhismus – das sahen die Sikhs nicht gerne. Einige Monate später rächten sich die Sikh-Bodyguards von Indira Ghandi, indem sie die damalige Premierministerin Indiens erschossen. Daraufhin kam es in der Hauptstadt Delhi zum sogenannten Sikh-Massaker von 1984: fast 3.000 Sikhs – darunter Kinder und Frauen – wurden von wütenden Hindu-Mobs getötet. Die Polizei schaute tatenlos zu, die Politik half bei der Organisation des Massakers sogar mit. Amritsar 1919, ein exzellentes Buch des britischen Autores Kim A. Wagner verarbeitet diese tragischen Ereignisse auf dramatische, fesselndes und sehr informative Weise.

Bis heute gibt es eine Gruppe von Sikhs, die von Khalistan, einen eigenen Sikh-Staat, träumen. Die indische Regierung zeigt sich nach wie vor unnachgiebig.
Heute ist der Sikhismus die größte Religion des indischen Punjab, die fünftgrößte Religion Indiens und unter den größten zehn weltweit.

Amritsar, das Zentrum des Sikhismus

Was Rom für das Christentum, Mekka für den Islam ist, das ist Amritsar für den Sikhismus. Eigentlich ist Amritsar sogar noch wichtiger, stellt es doch nicht nur das religiöse und spirituelle, sondern auch das kulturelle Zentrum der Sikhs dar. Amritsar ist einer der heiligsten Orte in Indien.
Amritsar bedeutet so viel wie Nektarsee. Die Stadt wurde im Jahr 1577 von Gura Ram Das als Ramdaspur gegründet, und liegt nur 30 Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt. Ab 1600 wurde Amritsar immer wichtiger, Anfang des 19. Jahrhunderts dann sogar die Hauptstadt des Sikh-Reiches, das von 1799 bis 1849 bestand.

Der Harmandir Sahib, auch der Goldene Tempel genannt, befindet sich im Zentrum der Millionenstadt. Seine Spiritualität und Ruhe stehen im starken Kontrast zum Chaos der staubigen Straßen. Mehr als 100.000 Gläubige (und einige Touristen) besuchen den Tempel jeden Tag.

Schlafen im Goldenen Tempel Amritsar

Übernachten im Goldenen Tempel

Toleranz, Gleichheit und Nächstenliebe stehen im Fokus des Sikhismus. Dieser Werte sind an einer wunderschönen Tradition besonders spürbar. Gurudwaras („Tor zu Gott“) – die heiligen Tempel der Sikhs bieten allen Menschen kostenlose Unterkunft und Essen an – unabhängig von Religionszugehörigkeit, Nationalität, Geschlecht oder Kaste.
Hunderte wenn nicht Tausende Pilger schlafen jede Nacht im Goldenen Tempel – bzw. in den danebenliegenden Anlagen. Der Sri Guru Ram Das Niwas befindet sich direkt gegenüber des Harmandir Sahibs. In diesem Gebäude befinden sich dutzende Schlafsäle, darunter auch jener, der für ausländische Touristen vorgesehen ist. Es reicht, ein kurzes Formular auszufüllen, und schon darf man in einem der vielleicht 20 Betten übernachten. Einige Touristen und Backpacker bleiben eine Nacht, andere eine Woche. Die Betten – die man sich mit Bettwanzen teilt – sind zwar hart, eine Dusche gibt es nicht und in den Wintermonaten kann sehr kalt werden.
Doch all das nimmt man gerne in Kauf. Denn wenn man morgens aufsteht und den Goldenen Tempel in all seinem materiellen wie spirituellen Glanz über den Wassern des kleinen Sees schweben sieht, wenn der Tempel Abends wie eine untergehende Sonne gold verglüht, dann spürt man, was Pilger seit Jahrhunderten spüren: Ehrfurcht, Liebe und eine tiefe innere Zufriedenheit.
Das Übernachten im Goldenen Tempel von Amritsar ist also der beste Weg, um den Sikhismus und seine Philosophie kennen- und verstehen zu lernen.

Langar, die freie KücheEssen im Goldenen Tempel

Diese Tradition entspringt eigentlich dem Sufismus, einer mystischen Strömung des Islam. Guru Nanak begegnete auf seinen Reisen durch ganz Asien zahlreichen Sufimeistern, von denen er viel lernte und übernahm – so eben auch die Tradition des Langar, der freien Essensvergabe.

In jeder Gurdwara Indiens wird kostenloses Essen verteilt. In Harmandir Sahib von Amritsar sind es über 50.000 Mahlzeiten täglich. Sie werden von Freiwilligen gekocht und verteilt. Die Freiwilligen sehen ihre Arbeit als eine Form von Seva – von selbstlosen Handeln – an. Die Küche ist 24 Stunden am Tag und das ganze Jahr über in Betrieb. Frauen schälen, schneiden und schnippeln Gemüse, die Männer rühren in riesengroßen Töpfen Dal (Linsensuppe) um. Auch Reis, Chappati (Fladenbrot) und Kheer (indischer Reispudding) werden verteilt. Übrigens kann man auch als Tourist in der Küche mithelfen und somit etwas von der Gastfreundschaft zurückgeben, die man beim Übernachten im Goldenen Tempel erfährt.
Das Essen wird in einer großen Halle eingenommen. Reich und arm, alt, jung, Sikhs, Hindus, Punjabis und Touristen sitzen nebeneinander. Dies versinnbildlicht die Gleichheit aller Menschen vor Gott.

Weitere Sehenswürdigkeiten in Amritsar

  • Partition Museum: Ein äußerst sehenswertes und erst seit kurzem eröffnetes Museum, das die Teilung Indiens auf berührende und sehr informative Weise verarbeitet.
  • Jallianwala Bagh: Im Jahre 1919 wurde hier, in diesem öffentlichen Garten, ungefähr 1.500 friedlich protestierende Inder von britischen Soldaten erschossen. Die Einschusslöcher sind bis heute noch zu sehen.
  • Gobindgarh Fort: Dieses imposante Fort ist über 250 Jahre alt. Bis zu 12.000 Soldaten fanden hier früher Platz. Heute befinden sich Museen und Kunstgalerien hinter den dicken, rot gestrichenen Wänden.
  • Shri Durgiana Mandir: Der vielleicht wichtigste (und sicherlich der schönste!) Hindu-Tempel der Stadt. Die Türen sind aus Silber, die Kuppel aus Gold. Wie auch der Goldenen Tempel, befindet sich der Durgiana-Tempel inmitten eines kleines künstlichen Sees.
  • Statue des Maharaja Ranjit Singh: Nur einige Minuten vom Harmandir Sahib entfernt, ist diese lebensgroße Statue eines der Wahrzeichen von Amritsar. Ranjit Singh – der „Löwe des Punjab“ – war der Gründer und Führer des kurzlebigen Sikh-Reiches.

Von Amritsar an die pakistanische Grenze

Von Amritsar nach Lahore – dem „Herz Pakistans“ – sind es gerade mal 50 Kilometer. Es fahren regelmäßig Busse, ein Taxi kostet um die 800 Rupien (zehn Euro). Jeden Tag findet um 16:00 Uhr die Zeremonie der Grenzschließung statt: mit viel Pomp und lauter Musik schließen die zwei verfeindeten Staaten die schweren Metalltore, die seit 1947 Familien, Freunde und Religionsbrüder trennen. Diese Zeremonie wird wie ein Fußballspiel – oder besser: wie ein Cricketspiel – verfolgt. Tausende Inder auf der einen, etwas weniger Pakistani auf der anderen Seite, die mit Fahnen schwenken, Hymnen singen und die eigenen Soldaten anfeuern. Ein sehr merkwürdiges Spektakel, das deshalb umso sehenswerter ist!

Lahore selbst ist eine äußerst interessante Stadt. Lahore ist da kulturelle und historische Zentrum Pakistans. Vor allem die imposante Badshahi Moschee und das reich verzierte Lahore Fort verzaubern und beeindrucken zutiefst. Auch die Gastfreundschaft der Pakistani ist herzerwärmend.

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