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Konya, Türkei – Das Grab des großen Sufi-Dichters Rumi

Rumi – oder Mevlana, wie er in der Türkei genannt wird – ist einer der berühmtesten Sufi-Dichter Persiens und der Welt. 800 Jahre nach seinem Tod spenden seine Gedichte noch immer Millionen von Menschen Trost und Freude. Sein Grab im türkischen Konya zieht Pilger und Rumi-Liebhaber aus der ganzen Welt an – und ist der vielleicht spirituellste Ort der Türkei.

Was ist der Sufismus?

Rumi war ein Sufi und Dichter aus dem 13. Jahrhundert. Doch was genau ist das – ein Sufi? Der Sufismus wird oft als die spirituelle, mystische Dimension des Islam definiert. Sufis stellen eine direkte Beziehung zu Gott in den Mittelpunkt ihrer spirituellen Praxis. Der Weg zu Gott führt für Sufis über die Liebe.
Der Sufismus ist vor allem in Indien und Pakistan eine lebendige und äußerst facettenreiche Tradition. Die zahlreichen Gräber von Sufi-Heiligen des indischen Subkontinents werden noch heute von Millionen Menschen besucht – und zwar nicht nur von Moslems. Denn auch Hindus und Sikhs verehren die großen Sufis Südasiens, z. B. Lal Shabaz Qalandar oder Nizamuddin Auliya.
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In der Türkei wurden alle Sufi-Versammlungen vor rund 100 Jahren im Zuge der Säkularisierung verboten. Die Zeremonien der wirbelnden Derwische sind nichts anderes als ein Touristenspektakel. Doch man kann sich sicher sein, dass es auch in der Türkei noch „echte“ Sufis gibt. Sie halten sich wohl im Untergrund versteckt. Und dies ist nichts Neues. Denn seit immer schon werden die Sufis aufgrund ihrer liberalen Auffassung des Islam verfolgt und unterdrückt.

Rumi: Vom Gelehrten zum Mystiker

Doch zurück zu Rumi. Er wurde im Jahre 1207 als Dschalal ad-Din Muhammad in Balkh, Afghanistan, geboren. Sein Vater,Baha ud-Din Walad , war ein berühmter Gelehrter und Theologe, der auch von dem Sufismus beeinflusst wurde. Rumi schlug den gleichen Weg wie sein Vater ein, er studierte jahrzehntelang die Schriften und Lehren des Islam, und wurde schließlich selber zu einem respektierten Gelehrten.

Doch was machte aus einem Gelehrten, wie es tausende gibt, einen weltbekannten Dichter, einen hochverehrten spirituellen Lehrer? Was machte aus Dschalal ad-Din Muhammad den großen Rumi?

„Ich war ein Suchender und bin es immer noch, aber ich habe aufgehört, die Bücher zu fragen und die Sterne – und angefangen, auf die Lehren meiner Seele zu hören.“

Die Sonne von Täbris

Schams-e Tabrizidie „Sonne von Täbris“ ist die Antwort auf diese Frage. Schams ist – zusammen mit Attar, Hafiz, Dschami und eben Rumi – einer der großen Dichter Persiens. Er wird als großer Mystiker und spiritueller Lehrer verehrt. Er was es, der die Tore zu Rumis Herzen öffnete, Schams war es, der ihm die Schlüssel zu der Quelle mystischer Lyrik gab, die darin versteckt war.
Es gibt verschiedene Übertragungen des ersten Treffens zwischen Rumi und Schams. Eine Version lautet wie folgt. Rumi saß eines Tages auf einer Bank, neben einem großen Stapel von Büchern, und las. Schams, gekleidet in alten, löchrigen Kleidern, sprach ihn an mit den Worten: „Was tust du da?“ Rumi – damals ein recht hochnäsiger Gelehrter – antwortet: „Etwas, das du nicht verstehen kannst.“ Darauf fingen die Bücher plötzlich Feuer. Fassungslos fragte Rumi, was geschehen sei. Schams antwortete: „Etwas, das du nicht verstehen kannst.“

Eine andere Version lässt die beiden auf dem Bazar von Konya zusammentreffen. Schams fragt Rumi, der auf einem Esel reitet und von zahlreichen seiner Schüler gefolgt wird: „Wer war der größere Heilige: Der Prophet Mohammed oder Bayazid (ein Sufi-Heiliger)?“ Rumi antwortet erstaunt: „Mohammed, keiner ist größer als er!“ Schams: Wie kann das sein, wenn Bayazid gesagt hat: „Oh, Ehre sei mir! Ich habe ihn kennnegelernt“, Mohammed aber sprach: „Ich habe Dich (Gott) nie gekannt, wie ich es sollen hätte“.
Rumi überlegt für einige Minuten und antwortete: „Während Bayazids verlangen nach Gott von nur einem Treffen erfüllt wurde, war jenes von Mohammed ohne Grenzen. Er ist der größere.“ Nachdem er diese Worte gesprochen, spürte Rumi, wie sich eine Tür in seinem Herzen öffnete. Tränen füllten seine Augen und er verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, wussten beide – Rumi und Schams – dass sie das gefunden, wonach sie gesucht hatten. Hand in Hand gingen sie zur Schule, in der Rumi lehrte.

Sicher ist, dass Schams einen tiefen Eindruck auf Rumi hinterließ. Sie verbrachten mehrere Monate zusammen in Konya, wo sich ihr Verhältnis zu einer tiefen spirituellen Liebe entwickelte. Schams galt als ein strenger und oftmals merkwürdiger Mann, doch hinter jedem seiner Worte und jeder Geste verbarg sich eine versteckte Lehre.

Schließlich verließ Schams seinen Schüler Rumi. Es wird angenommen, dass er aus Konya flüchtete, da einige seiner anderen Schüler eifersüchtig auf das enge Verhältnis zwischen ihm und Rumi waren. Die beiden Freunde sollten sich nie wieder sehen. Rumi war alleine. Er verwandelte seinen Schmerz und sein großes Verlangen nach Schams und Gott in die schönsten Verse, die die Welt je gesehen hat.

Mit deiner Seele hat sich meine
gemischt wie Wasser mit dem Weine.
Wer kann den Wein vom Wasser trennen,
wer dich und mich aus dem Vereine?

Diwan-e Schams-e Tabrizi und Masnavi

Sufismus Rumi
Mittelalterliche Abbildung von Rumi und seinen Schülern

Dies sind die beiden großen Gedichtbände von Rumi. Den Diwan-e Schams-e Tabrizi schrieb Rumi über einen Zeitraum von fast 30 Jahren. Er ist seinem Freunde und Lehrer Schams gewidmet und enthält über 40.000 Verse; in vielen von ihnen beklagt Rumi das Verschwinden von Schams. Somit stehen Lieben und (spirituelles) Verlangen im Mittelpunkt dieses großen Werkes.

Der Masnavi hingegen ist so einflussreich und beliebt, dass er auch als „der Koran Persiens“ bezeichnet wird. In dem Buch sind ungefähr 25.000 Verse enthalten, die als Ratgeber und Begleiter für alle Sufis und Menschen auf dem Weg zu Gott zu verstehen sind. Fünfzehn Jahre lang schrieb Rumi an diesem Buch, bevor er im Jahre 1273 starb. Den letzten Teil des Masnavi konnte er nicht fertigstellen.

Der Divan Schams und der Masnavi haben über all die Jahrhunderte ihre spirituelle Kraft nicht verloren. Sie gehören zu den absoluten Klassikern der Sufi- und Weltliteratur.

Zitate von Rumi

Meine Religion ist die Liebe. Jedes Herz ist mein Tempel.“

„Ich suchte in Tempeln, Kirchen und Moscheen. Aber ich fand das Göttliche in meinem Herzen.“

„Eine Wunde ist der Ort, über den das Licht in Dich eindringt.“

Das Grab von Mevlana Rumi in Konya

 das grab von rumi türkei
Das reich verzierte Grab von Mevlana Rumi

Als Rumi im Jahre 1273 in Konya starb, wurde sein Leichnam von Tausenden Bewohnern Konyas durch die Stadt getragen. Darunter waren auch Christen und Juden. Es wurde ein Mausoleum über seinem Grab errichtet, später entstanden dort Moscheen und weitere Bauten.

Das Mausoleum von Rumi wurde 1927 in ein Museum umgewandelt, dem heutigen Mevlana Museum. Denn der neu gegründete türkische Staat verbot das Weiterbestehen aller Sufi-Bruderschaften. Doch dies hat der Anziehungskraft von Rumi und seinem Grab keinen Abbruch getan. Noch heute kommen Menschen aus der ganzen Welt, um in Konya dem großen Sufi-Meister Respekt zu zollen.

Dass sein Grab zu einem wichtigen Pilgerziel geworden, ist eine Ironie, die Rumi wohl recht komisch gefunden hätte. Schließlich lautet seine Grabinschrift:

Wenn wir tot sind, so suchet nicht unser Grab auf Erden, sondern findet es in den Herzen der Menschen.“

Die Geschichte der spirituellen Liebe zwischen Schams und Rumi gehört zu den schönsten der islamischen Welt. Rumi ist 800 Jahre nach seinem Tod präsent wie immer. In den Vereinigten Staaten zählen seine Bücher zu den meistverkauften überhaupt, in Persien üben er und andere Sufi-Dichter wie Hafiz und Attar noch heute einen großen Einfluss auf das alltägliche und Seelenleben der Iraner aus. Und auch in in der Türkei spürt man noch heute den mystischen Einfluss Rumis – vor allem eben in Konya.

Übrigens: Das Buch Die vierzig Geheimnisse der Liebe der türkischen Schriftstellerin Elif Shafak erzählt auf äußerst unterhaltende Weise die Geschichte von Schams und Rumi. Das Buch gewann mehrere Preise und führte zur neu entdeckten Liebe für Rumi und den Sufismus bei. Eine absolute Empfehlung für alle, die mehr über den Sufismus, Rumi und Schams lernen möchten.

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