Sufism in Pakistan and India

Der Sufismus in Indien und Pakistan

Der Sufismus, die mystische Strömung des Islam, hat mit seiner Musik und Tradition die Kulturen und Religionen Südasiens stark geprägt. Sufis haben den Islam ins heutige Pakistan eingeführt, Mogulkaiser beraten und Hindu-Philosophie beeinflusst. Heute ist der Sufismus in Indien und Pakistan eine lebendige, facettenreiche – und wunderschöne – Tradition.

Was ist Sufismus?

Der Sufismus wird meist als islamische Mystik und Spiritualität definiert, als einen Weg zu Gott über die Liebe. Der Sufismus entstand bereits zu Lebzeiten des islamischen Propheten Mohammed, und blühte in den folgenden Jahrhunderten auf. Doch für Sufis ist der Sufismus viel älter als der Islam: Adam soll der erste Sufi gewesen sein, es folgten zahlreiche Propheten und Heilige. Auch Jesus wird von den Sufis verehrt, und westliche Philosophen wie Plato und Aristoteles werden ebenfalls als früher Vertreter des Sufismus angesehen.
Das Wort Sufi hat viele Bedeutungen. Zum einen kommt es von dem arabischen Wort für Wolle, die von den frühen Sufis getragen wurde. Es kann aber auch „Reinheit“ bedeuteten. Einige verbinden es mit dem grischischen Wort für Weisheit, Sophia, während andere in dem Begriff hebräische bzw. kabbalistische Wurzeln sehen. Hudschwiri, ein Sufi-Mystiker und Theologe aus dem 11. Jahrhundert, sagte schlicht: „Sufi hat keine Etymologie.“

Doch Wörter und Definitionen sind im Sufismus nur von zweitrangiger Bedeutung. Der Weg des Sufis ist ein Weg der Liebe und Askese, vor allem also ein praktischer Weg. Im Westen wurde der Sufismus durch persische Dichter wie z. B. Rumi und Hafis bekannt. Rumi sagte zum Sufismus: „Was du suchst (Gott), das gerade sucht dich!“

Ankunft und Verbreitung des Sufismus in Indien und Pakistan

Sufi-Heiliger
Großmogul im Gespräch mit Sufi-Asketen

Zusammen mit den islamischen Eroberern aus der Türkei, Persien und Zentralasien wurde auch der Sufismus nach Indien gebracht. Sufimeister wie Moinuddin Chishti und Nizamuddin Auliya predigten im heutigen Nordindien und Pakistan, und bekehrten viele Menschen zum Islam und Sufismus. Gerade die unteren Kasten, die im hinduistischen Indien benachteiligt und ausgeschlossen wurden, begeisterten sich für die toleranten Lehren des Sufismus. Später wurden auch die Großmoguln stark vom Sufismus beeinflusst. Der letzte der Mogulkaiser, Bahadur Shah Zafar, war sogar selber ein berühmter Sufimeister und -dichter.

Gleichzeitig mit dem Sufismus verbreitete sich im Mittelalter auch das Bhakti Yoga in Indien. Die Parallelen zwischen diesen zwei Pfaden sind offensichtlich: beide zielen die Vereinigung mit Gott auf dem Weg der Liebe an. Sufismus und Bhakti Yoga haben sich gegenseitig beeinflusst und geprägt. So greifen beide oftmals auf die gleichen Mittel zurück, z. B. auf devotionale Gesänge und mystische Liebeslyrik.

Kabir, der Sufi-Heilige und Bhakti-Yogi

Dieses Zusammenfließen von Bhakti Yoga und Sufismus versinnbildlicht Kabir, ein Mystiker aus dem Varanasi des 15. Jahrhunderts. Er griff Priester und Gelehrte des Islam und Hinduismus an, machte sich über deren sinnentleerten Rituale lustig. Kabir befürwortete einen eigenen, persönlichen Pfad, der den Suchenden über die Gottesliebe zu Gott führen sollte. Nach seinem Tod beanspruchten Hindus und Moslems seinen Körper für sich – die Hindus um ihn zu verbrennen, die Moslems um ihn zu begraben. Noch heute werden die Gedichte und Lieder von Kabir im ganzen Subkontinent gesungen. Kabir sagte: „Es gibt viele Brunnen, doch das Wasser ist immer das selbe.“ Mit anderen Worten: Islam, Hinduismus, Christentum, Sikhismus und all die anderen Religionen und Philosophien dieser Welt sind Wege, die alle zum gleichen Ziel, zur gleichen Wahrheit führen. „Verwechsle nicht den Fluss mit dem Meer“, singt Kabir.

Die heutigen Zentren des Sufismus in in Indien und Pakistan

Sowohl in Indien als auch im Nachbarstaat Pakistan ist der Sufismus lebendig und wohlauf. Über die Jahrhunderte haben sich einige wichtige Pilgerorte entwickelt, an denen der Sufismus besonders spürbar ist. Die Zentren des Sufismus in Indien und Pakistan sind:

Ajmer
In Rajasthan, nur unweit von Delhi, liegt Ajmer. Die Stadt ist bekannt für das Ajmer Sharif Dargah, das Grab von Muinuddin Chishti. Er brachte den Islam und Sufismus vor 800 hundert Jahren in die Region. Großmoguln wie Akbar pilgerten jährlich zu Fuß nach Ajmer, um dem großen Sufimeister Respekt zu zollen. Heute wird sein Dargah (Schrein, Grab) von Moslems, Hindus und Sikhs gleichermaßen besucht. Zur Urs (dem Todestag des Heiligen) kommen jedes Jahr bis zu 500.000 Menschen aus ganz Indien.

Delhi
Indiens Hauptstadt war im Mittelalter eines der Zentren des Sufismus. Nizamuddin Auliya und sein Schüler Amir Khusrao hielten sich dort auf. Ihnen zu Ehren wurde das Nizamuddin Dargah errichtet, das sich im Herzen der heutigen Millionenstadt befindet. Jeden Donnerstag wird bis spät in die Nacht Musik gespielt, vor allem Qawwali: devotionale Sufi-Lieder. Der Schrein wird von den Nachfahren Nizamuddins verwaltet.

Sufis in Indien
Ekstatischer Sufi-Tanz

Lahore
Neben Delhi und Ajmer ist Lahore die dritte Hauptstadt des Sufismus im Norden des indischen Subkontinents. Das Data Darbar ist der größte Sufischrein Südasiens. Jeden Tag wird hier Langar ausgegeben, also kostenloses Essen für Bedürftige aller Religionen. Diese Tradition gibt es auch im Sikhismus, z. B. im Goldenen Tempel von Amritsar.
Wie Delhi und Ajmer verfügt auch Lahore über eine lebendige Qawwali-Szene. Außerdem war die Stadt im letzten Jahrhundert Heimat vieler Dichter und Philosophen, die oft auch vom Sufismus beeinflusst wurden.

Sehwan Sharif
Vor 700 Jahren hat Lal Shabaz Qalandar hier, im pakistanschen Sindh, gelebt und gelehrt. Wie alle großen Sufis des Subkontinents wird auch er sowohl von Moslems als auch von Hindus verehrt. Das berühmte Sufi-Lied „Dama Dam Mast Qalandar“ wurde ihm zu Ehren geschrieben, und wird noch heute in ganz Südasien begeistert gesungen. Der Schrein des Lal Shabaz Qalandar wurde 2017 Opfer eines Terroranschlags, bei dem 82 Menschen ihr Leben verloren. Am nächsten Tag wurde aber wieder gesungen und getanzt.

Pakpattan
Hier liegt Baba Farid begraben, ein Mystiker, der im 13. Jahrhundert lebte. Er war maßgeblich für die Verbreitung des Sufismus in dieser Gegend verantwortlich. Seine Gedichte wurden in das heilige Buch der Sikhs aufgenommen, weshalb Pakpattan auch für den Sikhismus ein bedeutender Pilgerort ist. Zum Urs Festival kommen jährlich mehr als zwei Millionen Menschen. Imran Khan, der Premierminister Pakistans, sucht den heiligen Ort oft auf, um dort zu beten und Kraft zu sammeln.

Die Sufi-Sänger Pakistans

Vor allem in Pakistan ist der Sufismus und seine Musik lebendig. Zahlreiche Sänger ziehen von Dargah zu Dargah, um dort ihre Lieder vorzutragen. Viele davon sind mehrere Jahrhunderte alt, und wichtiger Teil der Kultur und Tradition Pakistans. Zu den berühmtesten Qawwals Pakistans gehören:

Fareed Ayaz

Abida Parveen


und Nusrat Fateh Ali Khan, eine wahre Legende der pakistanischen Musik. Er verstarb vor 20 Jahren.


Der Sufismus mit seiner Liebe und Toleranz kann gerade in der heutigen, von Konflikt und Hass geprägten Zeit, an die Brüderlichkeit zwischen Indien und Pakistan, ja zwischen allen Menschen weltweit erinnern.

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