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CouchSurfing und Trampen in Pakistan

Geschichte, Gastfreundschaft und Gott im Land der Reinen

Wenn man an Reiseziele in Asien denkt, steht Pakistan wohl relativ weit unten auf der Liste – doch zu Unrecht! Denn das Land fasziniert und verzaubert, überrascht und berührt zutiefst.

Während der drei Wochen, die ich Anfang 2020 dort verbracht habe, wurden mir die Augen geöffnet für die großartige Gastfreundschaft der Menschen und die Schönheit des Landes. Um tief in die Kultur Pakistans einzutauchen, eignet sich nichts besser als Trampen und CouchSurfing – eine weltweite Onlineplattform, über die man kostenlos bei anderen Mitgliedern übernachten kann.

Übertritt in eine andere Welt

Zusammen mit Miriam, einem deutschen Mädchen, das ich nur wenige Wochen vorher in Indien kennengelernt hatte, überquerte ich im Februar 2020 die indisch-pakistanische Grenze.

Wir hatten die letzten drei, vier Tage in Amritsar, der heiligsten Stadt der Sikhs, verbracht, wo wir im Goldenen Tempel übernachteten. Als nach ungeduldigem Warten endlich die Email mit dem elektronischen Visum angekommen war, machten wir uns auf den Weg zum Wagah-Grenzübergang.

Jeden Nachmittag wird die Grenze zwischen den beiden verfeindeten Ländern geschlossen – mit Tanz, Musik und tausenden Touristen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen möchten. Miriam und ich verpassen die Zeremonie der Grenzschließung aber. Wir sind so spät dran, dass die schweren eisernen Tore, die Indien von Pakistan trennen, gerade geschlossen werden. Auf der indischen Seite werden wir durch die verschiedenen Schleusen durchgehetzt, mit Rufen wie „Run quick!“ angefeuert. Dann überqueren wir, unter den Augen der zahlreichen enthusiastischen Inder und Pakistani, die Grenze. Auf der anderen Seite haben die Zollbeamten und Sicherheitsleute eigentlich schon Feierabend. Trotzdem werden unsere Reisepässe noch abgestempelt.

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Der Grenzübergang

Dann sind wir in Pakistan. Es ist ein komisches Gefühl: Hinter uns liegt das Land, in dem wir die letzten Monate verbracht haben, dieses Indien, das wir so gut kennen. Vor uns aber das unbekannte Pakistan. Zusammen mit Hunderten Pakistani, die eben der Zeremonie beigewohnt haben, laufen wir die breite Straße entlang, die Richtung Lahore führt. Die Pakistani sind freundlich, winken uns zu, fragen, woher wir kommen – und nach Selfies. „Welcome to Pakistan“, rufen sie uns immer wieder zu. Sofort fällt auf: alles ist traditioneller als in Indien. Die Inder tragen gerne Jeans und bunte T-Shirts, die Pakistani hingegen sind alle in dem typischen Shalwar Kameez gekleidet. Die Frauen tragen Schmuck und bunte Farben, bedecken sich aber fast alle die Haare.

Zwei Männer in einem alten Auto bieten an, uns nach Lahore zu fahren. Sie sprechen nur wenig Englisch, wir nur wenig Urdu bzw. Hindi. Trotzdem verstehen wir uns blendend. Sie laden uns sogar zu sich nach Hause ein, wo wir zu Abend essen. Wir sind beeindruckt von dieser so warmen, offenen Gastfreundschaft der Pakistani, die wir in den nächsten Wochen noch oft genießen werden können.

Nach dem Abendessen fahren uns unsere Gastgeber in den Westen der Stadt, wo Ali und seine Frau auf uns warten. Die beiden haben sich über die Internetplattform CouchSurfing dazu angeboten, uns für einige Nächte zu beherbergen. Hier erleben wir eine ganz anderer Seite der pakistanischen Gastfreundschaft und Kultur. Ali ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, die Familie wohnt eigentlich in London, ist nur einige Wochen im Jahr in ihrem zweiten Haus in Lahore. Dort haben sie drei Angestellte, leben in einem Luxus, den sich nur wenige leisten können in Pakistan. Im 50-Zoll-Fernseher läuft die pakistanische Version von DSDS, die beiden Töchter des Hauses besitzen das neuste iPhone, teure Klamotten und Markenhandtaschen. Ein Kopftuch tragen sie nicht.

Lahore – Das Herz Pakistans

Die nächsten Tage erkunden Miriam und ich Lahore: die imposante Badshahi Moschee, das kaiserliche Lahore Fort, vor allem aber die engen Gassen der Altstadt. Kein allzu großer Unterschied zu Old Delhi: die gleichen Menschenmassen und Tierscharen (Kühe, Hunde, Esel, Pferde), Street Food und getrocknete Früchte, kleine Moscheen und Tee-Verkäufer. Auf den Tuk-Tuks stehen – anstelle von „Hare Krishna“ oder „Om Namaha Shivaya“ – aber islamische Phrasen, z. B. „Mashallah“ (Was Gott will).
Im Lahore Fort findet eine Ausstellung moderner Kunst statt, die in gleicher Form auch in New York City oder Berlin hätte stattfinden können. An den alten dicken Mauern der Festungsanlage hängen abstrakte Gemälde, ein experimenteller Kurzfilm wird in einem ehemaligen Kerker gezeigt. Die Besucher dieser Kunstinstallation sind größtenteils junge Studenten aus Lahore, alle sehr gut und elegant (und oft ohne Kopftuch) angezogen, stellen uns in perfektem Englisch Fragen und wünschen und viel Spaß in „ihrem“ Land.

Lahore ist das kulturelle und historische Herz Pakistans – und das Herz der Lahoris ist groß. Wir kaufen einige Bananen oder eine Flasche Wasser, probieren das berühmte Street Food von Lahore – doch es ist fast unmöglich, dafür Geld zu bezahlen. Die Lahori lehnen ab, sagen:

Ihr seid Gäste in unserem Land, und von Gästen verlangt man kein Geld.“

Später lädt uns eine junge Familie, die wir im Garten des Lahore Forts treffen, dazu ein, am folgenden Morgen mit ihnen nach Bahawalpur zu fahren. Wir stimmen zu und steigen ein.

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Das Tor zur Badshahi Moschee, Lahore

Das mystische Pakistan

Bahawalpur war einst, bis zur indischen Unabhängigkeit, Hauptstadt des Fürstenstaates Bahawalpur. Die Nawabs – die Königsfamilie – wohnten bis 1947 in luxuriösen Palästen, die britischen Kolonialherren bauten Bibliotheken und Krankenhäuser. Heute ist Bahawalpur sicherlich einer der schönsten Orte in Pakistan.

In Bahawalpur schlafen wir bei dem Couchsurfer Shamas. Zusammen mit seinen drei Kindern und seiner Frau wohnt er im zweiten Stockwerk eines schönen Hauses in der Altstadt. Im Erdgeschoss betreibt er ein Fast-Food-Restaurant. Am Tag unserer Ankunft sind Wohnung und Restaurant voll: Shamas‘ ganze Familie kommt einmal im Monat aus ganz Pakistan nach Bahawalpur, um zusammen Zeit zu verbringen und zu essen. Wir sitzen inmitten eines Dutzends kleiner Kinder sowie zahlreicher Tanten, Schwestern, Onkel und Cousins. Die Familie spielt eine außerordentlich wichtige Rolle im Leben der Pakistani.

Dann erkunden wir Bahawalpur. Vor allem der große, bedachte Bazar ist bemerkenswert: Händler verkaufen getrocknete Früchte aus dem Norden und Fisch aus dem Süden, Hidschab für die Frauen, Shalwar Kameez für die Männer. Etwas weniger schön: zahlreiche Vögel, sogar Papageien, sitzen in kleinen Käfigen und warten darauf, gekauft zu werden.

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Palast der Nawabs von Bahawalpur

Die Al-Sadiq-Moschee von Bahawalpur wurde vor rund 250 Jahren erbaut und einem Sufi-Meister der Region gewidmet. Der Punjab war früher – und ist bis heute – ein Zentrum des Sufismus, der mystischen Tradition des Islam. Sufi-Heilige brachten den Islam vor rund 900 Jahren nach Indien und Pakistan. Deshalb ist der Islam in Südasien bis heute stark geprägt von den Lehren des Sufismus, der Toleranz, Musik und Mystik, Liebe und Nächstenliebe in den Mittelpunkt stellt. Viele der wichtigsten Heilige und Dichter des Sufismus lebten im heutigen Pakistan. Die Schreine, die ihnen geweiht sind, ziehen jährlich mehrere Millionen Gläubige an, die dort beten, tanzen und Musik machen. Auch die wenigen Hindus und Sikhs, die im pakistanischen Teil des Punjab leben, bringen den großen Sufis Pakistans Verehrung dar. Ich muss an einen Satz denken, den ein alter Taxifahrer in Islamabad zu mir sagte. Er hatte gefragt, ob wir Christen seien (vielleicht waren wir die ersten, mit denen er je sprach). Als wir bejahten, sagte er mit einem Augenzwinkern: Koi baat nahi. Und setzte hinzu: Allah Ek hai. Auf deutsch:

Das macht nichts. Gott ist nur einer.“

Dies ist klassischer Sufismus. Kabir, ein Mystiker aus dem Varanasi des 15. Jahrhunderts, der von Hindus, Moslems und Sikhs gleichermaßen verehrt wird, sagt:

Es gibt nur einen Brunnen, doch viele Wasserträger
Es gibt Gefäße in allen Formen, doch das Wasser darin ist immer dasselbe.“

Wir verbringen vier oder fünf Tage in Bahawalpur, bevor wir gen Faisalabad aufbrechen. Die Millionenstadt liegt nördlich von Bahawalpur, befindet sich auf dem Weg zur Hauptstadt Islamabad. Wir stehen früh morgens auf, bedanken uns bei unseren neuen Freunden aus Bahawalpur, und stellen uns an den Rand der Autobahn, wo wir auf eine Mitfahrgelegenheit warten.

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Der Bazar von Bahawalpur bei Nacht

Unterwegs in Pakistan – Ein alltägliches Abenteuer

Nach nur wenigen Minuten hält ein nagelneuer Honda an, zwei Männer winken uns zu. Der eine ist dick und gesprächig, der andere dünn und schweigsam. Englisch können sie beide nicht. Um die Stille, die sich aufgrund der Sprachbarriere bald entwickelt, zu beseitigen, wird das Radio aufgedreht: Pakistanischer Pop in voller Lautstärke. Und so rasen wir die fast leere Autobahn entlang, nähern uns unserem Ziel Faisalabad. Besser könnte es nicht laufen, denken wir. Wir stellen bereits die ersten Rechnungen an: bei dieser Geschwindigkeit, mit einem Zwischenstopp von, sagen wir, zehn Minuten, und vielleicht etwas Stau am Stadtrand, werden wir um circa 16:00 ankommen. „Inshallah“ – Wenn Gott will – würden die Pakistani sagen. Aber Gott will nicht. Mitten auf der Autobahn bleiben wir plötzlich stehen. Die beiden Männer steigen aus, kratzen sich am Kopf: das Auto fährt nicht mehr. Die Motorhaube wird geöffnet, doch Dick und Dünn haben offensichtlich keine Ahnung von Autos. Wir auch nicht. Eine halbe Stunde vergeht. Sollen wir aussteigen und versuchen, einen anderen Wagen anzuhalten? Unsere beiden Wohltäter also im Stich lassen? Doch die Autobahn ist kaum befahren, und wenn mal ein Auto vorbeikommt, dann zu schnell, als dass wir es hätten anhalten könnten.

Mittlerweile ist der pakistanische ADAC gekommen. Das Auto wird auf den Abschleppwagen geladen, Fahrer und Freund setzen sich vorne ins Cockpit des Autotransporters, wir sitzen hinten im abgeschleppten Auto und beten, dass es sich nicht von der Rampe löst. Deutsche Standards hat der pakistanische Bruder des ADAC nämlich nicht.

An der nächsten Ausfahrt nehmen wir dann Abschied. 300, 400 Kilometer noch bis Faisalabad. Bald geht die Sonne unter. Was tun? Während wir etwas ratlos hinter der Mautstelle, am Rande der Autobahn, stehen, kommt die Polizei. In Deutschland würde die Polizei darauf hinweisen, dass Trampen auf der Autobahn verboten ist. In Pakistan aber ist alles ganz anders: die beiden Ordnungshüter stellen sich mitten auf die Straße, halten jedes Auto an, fragen, ob es nach Faisalabad fährt.

Schließlich findet sich ein Bus, der das gleiche Ziel hat wie wir. Wir bedanken uns bei der Polizei und quetschen uns in die hinterste Reihe des überfüllten Buses. Mütter mit Kindern auf dem Arm, Männer mit schweren Taschen, sogar einige Hühner sind an Bord. Es ist stickig und eng, die Federung inexistent und der Fahrer offensichtlich großer Formel-1-Fan. Schließlich kommen wir tatsächlich in Faisalabad an. Mashallah – Gott hat es so gewollt!

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Unterwegs auf dern Straßen Pakistans

Pakistanische Paradoxen: Arm und reich, neu und alt, Moderne und Islam

Wir verbringen ein oder zwei Nächte bei einem jungen, gerade verheirateten Paar. Der Mann war in Oxford und Manchester, ist sehr gebildet und ebenso schüchtern. Die Frau hingegen ist wunderschön – und verbirgt ihre Schönheit nicht hinter einem Schleier. Die Rolle der Frau in Pakistan ist ein sehr facettenreiches, vielschichtiges Thema, das nicht Gegenstand dieses Textes sein soll. An dieser Stelle sei bloß gesagt, dass man eine Kultur und dessen Denkweise nicht verurteilen darf, ohne je mit ihren Menschen gesprochen zu haben. Eine der wichtigsten Tugenden des Islam ist die Bescheidenheit. Frauen, die einen schönen Körper haben, spüren oft gar nicht das Verlangen, ihn der ganzen Welt zur Schau zu stellen. Ich erinnere mich auch an einen Satz, den eine Mutter in Islamabad zu mir sagte: „Warum sollte ich arbeiten, wenn mein Mann genug Geld verdient? Lieber verbringe ich Zeit mit meinen beiden Söhnen.“ Sie sagte auch:

Ich habe alles geopfert für meinen Mann und meine Kinder – und ich bereue es nicht.“

Doch zurück nach Faisalabad. Das junge Ehepaar zeigt uns Videos der Hochzeit: Hunderte Menschen waren eingeladen und noch viele mehr erschienen, Braut und Bräutigam kannten bei weitem nicht alle Gesichter. Viel Essen, laute Musik, grandioser Pomp: das Paar fährt im Luxussportwagen vor. Wer Geld hat in Pakistan, der zeigt dies gerne – vor allem auf Hochzeiten.

Diese Regel wird am nächsten Tag durch die Ausnahme bestätigt. Wir möchten nach Islamabad, der Hauptstadt. Ein Wagen hält an, der fast so alt scheint wie der vielleicht sechzigjährige Fahrer. Während wir durch die ersten Hügel und Berge des nördlichen Pakistans fahren, erfahren wir mehr über Shan: er arbeitete früher für das pakistanische Militär, ist in Afghanistan und Syrien gewesen, im Irak und dem Kongo. Shan ist ein Mann voller Überraschungen: er hat eine Leidenschaft für Botanik, nennt uns die Namen aller Bäume, die an den Fensterscheiben vorbeirauschen. In seiner Freizeit reitet Shan gerne, früher besaß er mehrere erstklassige Pferde. Er liebt die Poesie, spricht Urdu, Englisch, Farsi und Französisch. Er unterhält beste Verbindungen zur Elite in Islamabad, managt mehrere Unternehmen – und fährt trotzdem ein uraltes Auto, trägt abgelaufene Sandalen.

Wir sind in Islamabad angekommen. Shan lädt uns noch zu sich nach Hause ein, wo wir chinesischen Tee trinken und zwei wohl sehr teure Siamkatzen bewundern. Dann fährt er uns zu unseren CouchSurfing-Gastgebern. Wir verabschieden und herzhaft von Shan und wissen, dass wir ihm seine unglaubliche Gastfreundschaft nie werden zurückzahlen können.

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„Nicht das wahre Pakistan“

In Islamabad übernachten wir bei den Geschwistern Fari und Osama und ihren Eltern. Fari und Osama sind gleich alt wie wir, studieren in Islamabad Geschichte und Medizin.

Als ich Osama nach seinem Namen fragte, verriet er ihn mir nur leise und etwas schüchtern, fast verlegen. Schließlich weiß er, womit dieser Name im Westen assoziiert wird. Und wer würde hier schon gerne Adolf heißen? Überhaupt sind sich die Pakistani sehr wohl bewusst, dass ihr Land im Westen keinen guten Ruf genießt. Vielleicht ist dies auch einer der Gründe für ihre fast schon übertriebene Gastfreundschaft Ausländern gegenüber. Sehr oft sagen die Pakistani:

Das Pakistan, das ihr im Fernsehen seht, ist nicht das wahre Pakistan! Versprich mit, dass du deinem Land erzählst, wie es hier wirklich ist.“

Ich hoffe, mit diesem Text mein Versprechen eingelöst zu haben. Islamabad wurde in den 1960ern als die neue Hauptstadt des Landes erbaut. Anders als das uralte und chaotische Lahore wurde Islamabad von Architekten und Stadtplanern nach einem genauen Plan entworfen und umgesetzt. Die Stadt ist sehr grün – früher, so erzählt Shan, huschten noch Rehe und Hasen durch die breiten Straßen Islamabads. Ganz so ländlich ist Islamabad mit seinen mehr als drei Millionen Einwohnern nicht mehr. Trotzdem ist die Hauptstadt Pakistans mit ihren geometrisch angelegten Straßen, mit ihren Parks und den grünen Hügeln in der Umgebung eine schöne Abwechslung zu dem staubigen Punjab.

Auch die Krankenhäuser sind modern und gut ausgestattet, wie ich – im wahrsten Sinne des Wortes – am eigenen Leibe erfahren durfte. Der Arzt, der mich wegen einer Magenverstimmung untersuchte, war gerade aus seinem Urlaub in der Schweiz zurückgekehrt und schwärmte von den schneebedeckten Bergen, der kühlen Luft. Somit entsteht auch in uns der Wunsch, endlich die Berge Pakistans zu besuchen.

Richtung Norden, den Bergen zu

Einige Tage später sind wir dann auf dem Weg nach Murree. Der Ort liegt auf 2200 Metern, wurde von den Briten als Hill Station, also als Zufluchtsort vor der Sommerhitze errichtet. Diesmal nehmen wir den Bus. Für die 40 Kilometer und den Höhenunterschied von 1700 Metern brauchen wir nur 20 Minuten. Der Busfahrer ist in einem mörderischen Tempo unterwegs, überholt in engen Kurven, hupt mit der einen und raucht mit der anderen Hand, redet nebenbei am Telefon oder stellt die Radiolautstärke höher. Nach jedem geglückten Überholmanöver atmen wir auf.

Einige Moslems glauben übrigens, dass in Murree die heilige Maria begraben ist. Jesus sei demnach, nach der Auferstehung, zusammen mit seiner Mutter gen Osten gewandert. Während Marias Grab in Murree liegt, soll Jesus im indischen Kashmir begraben sein. Für Moslems nimmt Jesus eine wichtige Rolle ein. Der christliche Messias kommt im Koran häufiger vor als alle anderen Personen. Jesus wird als einer der wichtigsten in einer langen Reihe an Propheten angesehen. Der letzte ist Mohammed.

Unser Couchsurfing-Gastgeber in Murree heißt Faisal. Zusammen mit ihm spazieren wir durch den ehemalig britischen Ferienort. Mitten im Bazar von Murree steht noch heute die Heilige Dreifaltigkeitskirche, wo jeden Sonntag ein Gottesdienst abgehalten wird. Am zweiten Tag schneit es, worauf wir nach den hohen Temperaturen des Punjab weder mental noch kleidungstechnisch vorbereitet waren. Mit dem Auto erkunden wir die Umgebung. An den Rändern der teils vereisten Bergstraßen stehen zahlreiche Schneemänner mit Karottennase und Dattelaugen. Viele Pakistani sehen zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee, spielen wie die Kinder mit Schneebällen, reiben sich das für sie so neuartige Weiß gegenseitig in den Nacken. Wenn früher die britischen Kolonialherren nach Murree kamen, so ist es heute die pakistanische Oberschicht. Leider ist Murree in den letzten Jahren wohl etwas zu beliebt geworden. Überall sind neue Gebäude entstanden, die in ihrem hässlichem Grau das ansonsten so schöne Landschaftsbild verunreinigen. Shimla, der indischen Zwillingsschwester von Murree, ist dieses Schicksal bis hierhin dagegen erspart geblieben.
Nach einigen Tagen, als das Eis auf den Straßen etwas geschmolzen ist, machen wir uns auf den Weg Richtung Norden.

Unterwegs in den Bergen Pakistans

Ein wilder Abend in Abbottabad

Abbottabad genießt einen etwas zwiespältigen Ruf. 2001 wurde hier Osama Bin Laden getötet, nachdem er sich jahrelang in einem Haus am Stadtrand versteckt gehalten hatte. Heute ist davon aber nichts mehr zu spüren. Die Menschen sind freundlich und neugierig, die Stadt – vor allem aber die Umgebung – sehr schön. James Abbott, ein britischer General und der Gründer und Namensgeber der Stadt, schrieb über Abbottabad:

Die Stadt erschien mir wie ein Traum.“

Mohammed, unser CS-Gastgeber, besitzt ein Hotel, das er extra für uns öffnet, und in dem wir drei Nächte lang bleiben. Wir lernen auch seine Familie kennen. Die beiden Töchter, die zwischen fünf und zehn Jahre alt sind, sprechen stolz einige Sätze auf Englisch vor. Noch stolzer ist nur der Vater.

Am letzten Abend dann die Abschiedsparty: Mohammed lädt einige seiner Freunde ein, zusammen sitzen wir bis spät in die Nacht beisammen. Wir spielen Karten und Ludo (ein typisches Brettspiel des indischen Subkontinents, von dem Mensch-ärger-dich-nicht stammt), essen Chicken Biryani, trinken einen Chai nach dem anderen. Alkohol ist im Islam verboten. Deshalb ist in vielen islamischen Ländern – zum Beispiel in Marokko, Afghanistan, Tunesien und dem Iran – Haschisch, also Cannabis, das Rauschmittel der Wahl. Der Abend wird also noch interessanter, noch wilder und witziger. Wir diskutieren über Cricket und die CIA, über die großen Dichter des Sufismus und über südasiatische Politik. Einer meiner neuen Freund will mir sein Sturmgewehr zeigen, der andere zitiert Rumi, der dritte aber sitzt mit geschlossenen Augen und einem Lächeln auf den Lippen in der Ecke. Draußen feiern die Menschen ein religiöses Fest. Ich höre immer wieder ein lautes Knallen und frage Mohammed, ob das Böller seien. Nein, sagt er: „Das sind Gewehre.“ So wild feiern die Pakistani (und vor allem die Volksgruppe der Paschtunen, die im Grenzgebiet zu Afghanistan leben) nun mal!

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Trampen in Pakistan

Rückkehr nach Indien

Zu viele interessante Menschen, die wir treffen, zu viele kleine und große Abenteuer: man kann sie nicht alle erzählen. Deshalb machen wir einen Zeitsprung und befinden uns in einem Tuk-Tuk, das auf die Grenze zufährt: nach drei Wochen verlassen wir Pakistan.

Wie wir gekommen sind, so gehen wir auch: auf den letzten Drücker. Wieder sind wir spät dran, laufen schweißüberströmt auf die Grenze zu, vergessen den Ausreisestempel, laufen hin und her, hören schon die Musik der Grenzschließungszeremonie, werden im letzten Augenblick noch durchgelassen und überqueren schließlich, unter den Augen von Hunderten Pakistani und Indern, die Grenze.

Ich bin wieder in Indien. Namaste statt Assalamualaikum, Sari statt Hidschab. Während ich im Bus nach Amritsar sitze, denke ich an die letzten Wochen: an die großartige Gastfreundschaft der Pakistani, die mich so tief berührt hat, an die Tramping-Abenteuer, an dieses wunderschöne Land mit seinen Bazars und Moscheen, Bergen und Steppen. Ich weiß: ich werde wiederkommen. Inshallah.

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